herbst – autumnus
herbstzeitloses – entdeckungsreisen durch raum und zeit
between the timesDas Kalksteinrelief
Zwei auf der Oberseite vorhandene schwalbenschwanzförmige Ausarbeitungen weisen bei dem in der Wintringer Kapelle aufgefundenen Kalksteinrelief auf eine Verbindungsmöglichkeit etwa als Predella eines Altares hin. Dargestellt ist eine Dorflandschaft mit umgebender Natur und wandernden Menschen. Die Hauptszene bildet eine Marienerscheinung mit zwei anbetenden Engeln. Maria schwebt schützend über den Häusern eines Dorfes und einer Kirche. Nebenszenen lassen aber auch andere Deutungen zu. Die Abbildung einer Jakobsmuschel in der Szenerie könnte auch als Hinweis auf die Szene einer Pilgerreise gewertet werden. Die Vertiefungen im Kalkstein dienten wohl Kerzen- oder Kienspanhaltern, wodurch die Szene bei Dunkelheit illuminiert werden konnte.
Das Relief entspricht dem Kunstgeist der vermutlichen Entstehungszeit (16. Jh.), in der das Fremdartige betont wurde. Irdische Paradiese, exotische Menschen, Pflanzen und Tiere wurden aus der Antike oder dem Orient überliefert. Inspirierend wirkten vor allem die Berichte von Entdeckungsreisenden. Sie waren verantwortlich für das gesteigerte Interesse am Fremden und Exotischen.Neben all dem vermittelt die Szenerie auch die individuelle Vorstellung ihres Erschaffers von heimischen und fernen Landschaftsbildern.
Das Anliegen der siebten Veranstaltung im Herbst 2005 war es, sich an die künstlerische Aussage des unbekannten Bildhauers des Reliefs in der Wintringer Kapelle musikalisch anzunähern. Von dieser steingewordenen Reaktion einer menschlichen Erinnerung und Imagination – dem Anschein nach eine in Stein verewigte Entdeckungsreise des Erschaffers – wagte das überregional bekannte Trio „between the times“ eine musikalische Vermittlung zwischen den Zeiten. Das musikalische Spektrum reichte von der Komposition zur Improvisation und schaffte am 2. Oktober 2005 in der Wintringer Kapelle eine dichte und kontemplative Atmosphäre. Das Publikum nahm teil an einer Zeitreise durch ein halbes Jahrtausend.
Unsere Zeit-Reise führt, ausgehend von der Jahreszeit Herbst, in die Entstehungszeit der „Kapelle“ im 15. Jh. und darüber hinaus in noch fernere Jahrhunderte, in denen die Ursprünge dieses ehemaligen Prämonstratenserpriorates liegen.
Unsere musikalische Spurensuche führte uns nach Languedoc in die Zeit der Troubadoure mit ihren okzidentalischen Melodien, in die Zeit von Alfonso dem Weisen (Pilgerlieder „Cantigas des Santa Maria“) nach Spanien und schließlich auch in die Wintringer Kapelle, wo uns die versteinerte Botschaft dieses Kalksteinreliefs – die möglicherweise auch als Reisebericht gedeutet werden kann – inspirierte.
Unsere eigene Reise mit Konzerten in besonderen Räumen – vom Kirchenrest im Kloster Lorsch, einem Betonsilo, bis hin zu diesem Konzert in der Wintringer Kapelle, unterstützt unseren lange gehegten Wunsch einer CD-Aufnahme im Innenhof des berühmten Castel del Monte.
Da ein großer Teil unserer Musik aus Improvisationen besteht, die aus dem Augenblick kommen, hat der „genius loci“ dieses besonderen Ortes und die spezifischen Szenen des hier aufbewahrten Kalksteinreliefs natürlich maßgeblichen Einfluss auf unser Spiel.
Ute Kreidler, während des Konzerts
between the times
Zwischen den Zeiten und Stilen bewegen sich die Musiker dieses ungewöhnlichen Ensembles. Die beiden Gründer, der Saxophonist Knut Rössler und der Lautenist/Gitarrist Johannes Vogt verschmolzen Jazzimprovisationen und zeitlose Melodien des Mittelalters zu neuen Musikstücken (CD Between The Times).
Im Trio mit der Sopranistin Ute Kreidler dienten traditionelle europäische Lieder als Vorlage für Interpretationen zwischen alter Musik, regionalen Stilen und instrumentalen Improvisationen (CD „Im Silo“ mit Themen aus der alten Musik sowie sefardischen Melodien; CD „Between The Times live“ auf dem Jazzfestival in Worms mit Schwerpunkt auf spanischen und sefardischen Liedern). Das aktuelle Programm, das auf der neusten CD „Early Songs“ zu finden ist, ist alten nordeuropäischen Liedern aus Finnland, Schweden, Schottland, Irland und Wales gewidmet. Gemeinsam ist den Melodien ein zur Melancholie neigender Ton, der auch bei verschiedenartigen Instrumentierungen durchscheint. Die Lieder, die in der „Kapelle“ gespielt wurden, sind von den Musikern auf den Raum, das Relief und seine Stimmung bearbeitet worden.