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Mythos Jakobswege

Sehnsuchtsziel Santiago de Compostela

Seit mehr als tausend Jahren locken die Wege der Jakobspilger Reisende aus aller Welt über die europäischen Routen zur Grabesstätte des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Dieser soll auf der Iberischen Halbinsel missioniert haben und nach seiner Enthauptung in Jerusalem durch Herodes um das Jahr 44 nach Spanien überführt worden sein. Über die Auffindung des als verschollen gegoltenen Grabes gibt es viele Varianten. Nach einer Version wurde um 813 das Grab durch einen Einsiedler, der sich von Sternen leiten ließ, auf dem sogenannten Campus Stellae (lat. Sternenfeld) in Galicien entdeckt. Die Entdeckung des Grabes auf der Iberischen Halbinsel in Galicien und die dadurch ausgelöste Pilgerbewegung kann jedoch nur im Zusammenhang mit der im 8. Jh. beginnenden Wiedereroberung, der sogenannten Reconquista, gelesen werden. Die Araber aus Nordafrika, die Mauren, hatten im Jahre 711 in einer einzigen Schlacht diesen spanischen Teil, der bereits zum christlichen Westgotenreich gehörte, erobert. Dieser „Heilige Krieg“ überschattete Spanien und die Jakobspilgerschaft 800 Jahre bis in das Jahr 1492.

Santiago de Compostela liegt im Nordwesten Spaniens in der Provinz La Coruña, 35 km vom Atlantik entfernt, und gehörte mit Rom und Jerusalem zu den drei bedeutendsten Wallfahrtszielen des Mittelalters. Am 25. Juli wird der Jakobstag gefeiert. Immer, wenn der Geburtstag des Apostels Jakobus auf einen Sonntag fällt, ist ein „Heiliges Jahr“, das sogenannte „Año Santo Jacobeo“. Unweit von Santiago de Compostela befindet sich das letzte Ziel der Jakobspilger: die Atlantikküste. Von deren Stränden am Cap Finisterre, am „Ende der Welt“, rührt auch das Symbol aller Jakobspilger, die Jakobsmuschel.

Jakobsmuschel – Attribut des Apostels

Die Jakobsmuschel ist seit dem Mittelalter das zentrale Attribut des Apostels Jakobus. An ihr erkennt man den Glaubensboten und in seiner Nachfolge alle Jakobspilger. „Pecten maximus“ ist die Bezeichnung für diese Flachmuschel der europäischen Atlantikküste, die als Jakobsmuschel in Darstellungen von Jakobspilgern zu sehen ist und spätestens ab dem 12. Jh. von dort mit nach Hause gebracht wurde. Gleichzeitig ist sie das wichtigste symbolische Attribut in den mittelalterlichen Darstellungen des Heiligen Jakobus.

Auch kunstfertige Verkleinerungen der Jakobsmuschel, z.B. aus Gagat, einem Halbedelstein aus fossilem Holz, wurden an Schnüren aufgereiht und auf der Pilgerfahrt mitgeführt oder als Devotionalie von der Pilgerfahrt mitgebracht. Solche Gagatperlen mit Jakobsmuscheln wurden bei einer mittelalterlichen Bestattung in der Stiftskirche von Saarbrücken gefunden. Zur Ausstattung eines mittelalterlichen Jakobspilgers gehörten außerdem ein Wettermantel, die sogenannte Pelerine, ein breitkrempiger Hut, ein Pilgerstab sowie eine Trinkflasche, die sogenannte Gurde. Die mitgeführte Jakobsmuschel konnte außerdem zum Schöpfen von Trinkwasser genutzt werden.

„Sternenweg“ – „Caminus Stellarum“

Die Bezeichnung der Jakobspilgerwege als „Sternenweg“ ist historisch inspiriert: Am Sternenhimmel sieht man in klaren Nächten einen bandförmigen Arm unserer Spiralgalaxie, der im Allgemeinen auch als Milchstraße bezeichnet wird. Sie beschreibt einen Bogen, der sich über Europa von Nordosten nach Südwesten zieht und auf Spanien hindeutet. Im Mittelalter sah man darin auch einen kosmischen Hinweis auf das Jakobusgrab, der den Jakobspilgern zugleich als Orientierungshilfe auf ihrem Weg in Richtung Santiago de Compostela diente. In Galicien werden die Wege der Jakobspilger auch als „El Camino de las estrellas“ bezeichnet. In verschiedenen Überlieferungen wird auf diesen Zusammenhang zwischen dem Jakobskult und den wegweisenden Sternen Bezug genommen: Karl dem Großen soll beispielsweise in einem Traum der Apostel Jakobus und ein durch Sterne gekennzeichneter Weg zum Grab des Heiligen erschienen sein.

Wege der Erkenntnis – Spiritualität

Eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela war immer ein Weg der Erkenntnis und der Einweihung in die geistige Welt. Die historischen Wege der Jakobspilger haben die geistigen Wurzeln Europas geprägt. Bis heute zählt das Unterwegssein auf diesen Wegen zu den großen grenzüberschreitenden und verbindenden Erlebnissen in Europa. Jährlich machen sich allein aus Deutschland etwa 800.000 Menschen auf die Wege in Richtung Santiago de Compostela.

In Anbetracht der Klimakrise gewinnt hierbei auch der ökologische Aspekt an Bedeutung. Gerade in den facettenreichen Natur- und Kulturlandschaften des Projektraums entsteht ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Bewahrung der Schöpfung. Die besondere Aura und Geschichte der mittelalterlichen Kulturdenkmäler, die sich entlang der heute ausgeschilderten Wege der Jakobspilger und in deren Umgebung befinden, erleichtert den Zugang zu dieser spirituellen Dimension.